Samstag, 7. November 2015

Nachdenken

 Das Lied  dröhnt in meinem Kopf und scheint für einen Moment meine Gedanken zu betäuben. Obwohl ich es nicht beabsichtige, singe ich in meinem Kopf den Text mit "House Party, House Party, we can get it all...!" Auf der Tanzfläche bewegen sich Menschen im Rhytmus und die Menge verschwimmt zu einer unruhigen, pulsierenden Masse.
Ich sitze am Rand der Tanzfläche und meine Gefühle schwanken von Bewunderung der anderen, deren Bewegungen jeden Klang widerspiegeln bis hin zum Fremdschämen, weil ich soetwas einfach gar nicht kann. Aber das ist in Ordnung, denn jeder kann hier für sich selbst entscheiden, was er tun möchte und ich entscheide mich dazu, glücklich zu sein. Ich mag diese Party, obwohl es eine Party ist, ich mag die Menschen, die hier sind, ich mag das Lied. Mich durchströmt eine Flut an Glücksgefühlen, wie das immer ist, wenn ich ein tolles Lied höre und ich gebe mich diesem Glücksgefühl nur zu gerne hin. Einfach mal aus dem Alltag austreten, sich kurz allen möglichen Gedanken an Morgen und Gestern entziehen, eine kleine, begrenzte Freiheit haben. Also lächle ich, einfach für mich und trinke noch einen Schluck Cola. Das Koffein hält meinen Adrenalinspiegel konstant und ich bringe mich sogar dazu, mit dem Fuß den Takt mitzutippen. Was für eine Leistung für so jemanden wie mich!
Dann lasse ich meinen Blick schweifen: Leute, die sich etwas sagen, aber ich höre nichts, die hämmernden Töne überlagern alles. Das farbige Licht bewegt sich hektisch durch den Raum und lässt jede Sekunde in einer anderen Farbe aufblitzen.
Dieser Abend ist nur ein winziger Teil meines gesamten Lebens, aber ich werde mich bestimmt später noch daran erinnern.
Dann merke ich, dass das Lied wechselt.
"I'd like to make myself believe that planet Earth turns slowly..."
Wenn ich nur ein Lied auf dieser Welt hören dürfte, dann wäre es dieses. Es ist kein besonderer Ohrwurm, es gibt auch Lieder, die einen noch besseren Text haben, aber Fireflies kenne ich einfach schon so ewig und trotzdem kann ich es immer wieder hören. Es passt, wenn ich fröhlich bin, es passt aber auch, wenn ich traurig bin. Und als ich so darüber nachdenke, fällt mir ein, woher ich das Lied kenne. Damals, im Musikunterricht in der sechsten Klasse, da hat das jemand vogestellt. Jemand, den ich nie wirklich gut kannte, den ich ganz in Ordnung fand. Jemand, der da war, ohne dass ich besonders viel über ihn nachgedacht hätte, aber jemand, der jetzt tot ist.
"It's hard to say that I'd rather stay awake when I'm asleep
'Cause everything is never as it seems"

 Scheinbar habe ich dich nie richtig gekannt. Aber wir hatten ja auch nichts miteinander zu tun, außer, dass wir in einer Klasse waren. Zwei gemeinsame Klassenfahrten, aber wie es dir ging, das konnte wohl keiner so wirklich einschätzen. Diese unbeschwerte Zeit von damals, sie fühlt sich an, als wäre sie mehrere Dekaden alt. Du hast dich entschieden zu gehen. Ganz selbstständig hast du dich dazu entschieden, deinem Leben ein Ende zu setzen und ich weiß nicht einmal wieso.
Was war so grausam an dieser Welt, dass du es nicht mehr aushalten konntest?
Keine Beschäftigung, keine Musik, kein Mensch, nichts und niemand konnte dich halten, auf dieser Erde, am Leben halten.
Eigentlich müsste man doch irgendwann mal fertig sein, fertig mit den Gedanken an dich und deinen Tod, aber es kommen immer wieder neue Fragen und Unsicherheiten und Überlegungen.
Auf Skype bist du immer noch in meiner Kontaktliste, aber da steckt kein Mensch mehr hinter diesem Chat. Niemand, der mir auf meine Überlgungen antworten könnte.
"To ten million fireflies
I'm weird 'cause I hate goodbyes
I got misty eyes as they said farewell"


 ~

 Gedanken von der letzten Party, auf der ich vor einigen Tagen war.